Die Welt - Vom Lehrer zum Schulmanager

15.6.2013
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Seit seiner Schulzeit hat Johannes Kahlke mehr als eine Ausbildung absolviert: Erst zum Maschinenbaumechaniker, dann zum Rettungsassistenten, später ein Berufspädagogikstudium. An der Berufsschule der Handwerkskammer Lübeck unterrichtet der 42-jährige Lehrer heute Hörgeräteakustiker aus dem gesamten Bundesgebiet in Betriebswirtschaft und Audiologie. Der Beruf macht ihm Spaß: "Aber ich will immer wieder über den Tellerrand gucken und hätte Lust auf eine leitende Tätigkeit", sagt der dreifache Familienvater aus Schleswig-Holstein. Seit Herbst 2011 studiert er deshalb an der Universität Kiel Schulmanagement und Qualitätsentwicklung.

Das berufsbegleitende Weiterbildungsstudium wendet sich vor allem an Lehrer mit Karriereambitionen. Wer zum Beispiel in die Schulleitung, in eine Aufsichtsbehörde oder ins Ministerium aufsteigen möchte, ist hier richtig. Aber auch Pädagogen, die dort schon tätig sind, holen sich hier noch akademisches Rüstzeug. Grundsätzlich stehen die Chancen auf einen leitenden Posten im Schuldienst sehr gut. Laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur dapd müssen bundesweit hunderte von Schulen ohne Schulleiter auskommen, alleine in Nordrhein-Westfalen fehlt an rund jeder fünften Schule ein Rektor oder Direktor. Tendenz steigend, denn viele Schulleiter scheiden in den kommenden Jahren aus Altersgründen aus. Vor allem in ländlichen Regionen sowie an Grund- und Hauptschulen gibt es jede Menge Vakanzen. Zum Teil liegt es an den Tarifstrukturen im öffentlichen Dienst: Der Zuwachs an Verantwortung und an Aufgaben gegenüber der reinen Lehrtätigkeit spiegelt sich oft nicht deutlich genug im Gehalt der Schulleiter wider.

Doch viele Bewerber zweifeln auch, ob sie einem Führungsposten überhaupt gewachsen sind und fühlen sich unzureichend qualifiziert: "Im Lehramtsstudium lernt man wenig darüber, wie man die Unterrichtsqualität beurteilt, Personal führt, professionell nach innen und außen kommuniziert oder den Schulbetrieb organisiert", sagt Johannes Kahlke – Inhalte, die in seinem Masterstudium jetzt zwei Jahre lang auf dem Stundenplan stehen.

Seit dem Start des Weiterbildungsangebotes im Jahr 2007 haben rund 200 Studierende aus dem ganzen Bundesgebiet ihren Masterabschluss in Kiel gemacht. Das Programm dauert vier Semester und beinhaltet auch ein Praktikum in der Wirtschaft. Das diene nicht nur der persönlichen Entwicklung der schulischen Führungskräfte sondern dem gesamten Bildungswesen, findet Hans Heinrich Driftmann, bis vor wenigen Wochen Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK in Berlin "Während der Aus- und Fortbildung sollten Lehrkräfte Erfahrungen in Betrieben sammeln, damit sie ein realistisches Bild von Berufen und Arbeitswelt erhalten", so der Chef des norddeutschen Haferflockenherstellers Kölln. Im Kieler Weiterbildungsstudiengang unterrichtet Driftmann die angehenden Schulleiter in Organisation und Management.

Auch Julika Stark könnte sich eine Leitungsaufgabe gut vorstellen. Die 37-jährige Studienrätin unterrichtet seit 2007 Deutsch und Politik an der Fachschule für Sozialwesen Hermannswerder in Potsdam. Schulträger der privaten berufsbildenden Schule ist die gemeinnützige Hoffbauer gGmbH, die mehr als 30 Schulen in Berlin und Brandenburg betreibt. In Potsdam lernen unter anderem Sozialassistenten an der Berufsschule, im Fachschulzweig werden Heilpädagogen und Erzieher ausgebildet. Seit zwei Jahren unterstützt Julika Stark hier den stellvertretenden Schulleiter bei der Stundenplanung. Gerade an einer beruflichen Schule mit vielen Praxisphasen erfordert das Erstellen der Stunden- und Vertretungspläne durchaus Organisationstalent und eine gewisse Verhandlungsstärke gegenüber den Kollegen.

Doch Julika Stark hat Spaß an der Aufgabe gefunden und könnte sich inzwischen ebenfalls vorstellen, eines Tages selbst eine Schule zu leiten. Auch sie studiert berufsbegleitend Schulmanagement, allerdings nicht in Kiel sondern an der Freien Universität Berlin. Ihr Vorgesetzter, der stellvertretende Schulleiter, unterstützt sie dabei: "Er hat selbst dieses Studium absolviert und mir dazu geraten", sagt sie. Nicht zuletzt, weil er die Doppelbelastung durch Job und Studium aus eigener Erfahrung kennt, kommt er seiner Kollegin zeitlich entgegen: "Freitags, wenn die Präsenzveranstaltungen stattfinden, bin ich aus dem Unterricht meistens ausgeplant", sagt Stark. Im Gegensatz zu Johannes Kahlke, der sein Studium in Kiel aus eigener Tasche bezahlen muss, finanziert der Schulträger ihr sogar die Studiengebühren von rund 1000 Euro pro Semester. Im Gegenzug musste sie sich verpflichten, für drei weitere Jahre zu bleiben. "Ich könnte mir sowieso kaum vorstellen an eine öffentliche Schule zurückzugehen", sagt Stark. Das muss sie auch nicht. Denn ihr Arbeitgeber sucht Führungskräfte in mehr als 30 seiner Schulen.

Kahlke will seine Masterarbeit bis Anfang kommenden Jahres abschließen und sich dann in Ruhe und mit Sorgfalt für die Zukunft orientieren: "Im Gegensatz zu anderen Branchen bleibt man an der Schule als Führungskraft oft sehr lange auf seinem Posten und arbeitet lange mit denselben Menschen zusammen", sagt er. Umso wichtiger, dass man – durch das passende Studium – Managementkompetenz erworben hat: "Der Schulleiter muss für ein gutes Klima sorgen."

Quelle: Die Welt

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